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Gesprächskonzerte

Ist die Entwicklung, welche die Form des klassischen Konzerts im Laufe der Jahre erfahren hat, auf eine „Krise des Publikums“ oder eher auf die kommunikativen und ästhetischen Ansprüche einer neuen Generation von Musikern zurückzuführen?

Anmerkungen zu meiner Erfahrung mit Gesprächskonzerten

von Filippo Faes

Ich habe einmal gelesen, dass während eines Gewitters jedem Blitz eine unsichtbare und umgedreht gepolte Entladung vorausgeht, die in der Luft eine Spur zieht, einen ionisierten Kanal… Und einen Augenblick später entlädt sich der Blitz tatsächlich in diesem Kanal.

Ich glaube, das Wort verhält sich gegenüber der Musik auf ähnliche Weise und vielleicht gilt dies auch umgekehrt. Die beschwörende Kraft der Stimme und die Macht des Erzählens, den Zuhörer zur Aufnahmebereitschaft zu verführen, ebnen unzählige „Wege“ zwischen Bühne und Publikum, entlang denen dann die tatsächliche musikalische Kommunikation verläuft. Und während ich spiele habe ich diese beinahe greifbare Empfindung einer „ionisierten Luft“, falls ich zuvor die Möglichkeit hatte, mit dem Publikum zu kommunizieren, wenn das Konzert also in Form eines Gesprächskonzerts stattfindet.

Musik ist eine Sprache, die – auch wenn sie noch so universell und grundlegend ist – den semantischen Regeln jeder anderen Kommunikation folgt. Die erste Regel verlangt, dass die Codes, auf denen die Sprache basiert, bereits im Gehirn des Kommunizierenden, als auch im Gehirn des Zuhörers vorhanden sein müssen. So ist es zum Beispiel für das Verständnis und zur Aufnahme des vorliegenden Textes notwendig, dass beide, Autor und Leser, auf dieselbe Weise den Wortschatz der italienischen (bzw. deutschen) Sprache, deren Grammatik, die Syntax und eine Vielzahl von Bezügen, Assonanzen und latenten, mehr oder weniger bewussten Bedeutungen verinnerlicht haben. Wenn wir uns dessen bewusst sind, erscheint der Akt des Lesens damit als ein fortwährender Vergleich dieser Bezugspunkte mit dem Informationsfluss, den die Schrift überträgt. Und es ist dabei offenbar, dass die Lektüre umso reicher und ergiebiger ausfällt, je mehr die Fähigkeit zur kritischen Interaktion, zur Bewegung zwischen diesen Referenzen, also einer Bewegung inmitten dieser Bezüge, und damit die Fähigkeit zu deren Gegenüberstellung und Vergleich entwickelt und ausgebildet ist.

Dasselbe geschieht in noch stärkerem Maße beim Hören von Musik. In einem Konzert spielen die kritischen Fähigkeiten des Zuhörers eine sehr aktive Rolle und involvieren damit eine große Zahl an Fähigkeiten des Geistes. Wie etwa das Gedächtnis: wenn wir beim Hören eines Stückes in Sonatenform bei der Reprise ankommen, können wir die Bedeutung des zweiten Themas in der Tonika nur dann voll und ganz wahrnehmen, wenn wir in der Lage sind, dieses Thema in eine dialektische Beziehung mit der Erinnerung zu setzen, welche dasselbe (zuvor in der Dominante präsentierte) Thema mehr oder weniger unbewusst in uns hinterlassen hat.

Dasselbe gilt für den Rhythmus, die formale Struktur, die Harmonie… Wenn wir eine Septime hören, die sich auf ungewohnte Weise auflöst, werden wir die traditionelle Funktion des Akkords umso klarer im Kopf haben und desto besser werden wir die innovative Kraft der außergewöhnlichen Auflösung und damit die Originalität des Komponisten und den Sinn seines Werks erkennen. Andernfalls bemerken wir gar nichts.

Ich denke, dass das Problem beim Hören klassischer Musik (und zumal der zeitgenössischen!) heutzutage vor allem darin liegt, dass das Publikums einen Großteil jener Codes und Bezüge nicht mehr erkennen kann, auf denen unsere Musik aufbaut und auf welche sie fortwährend verweist.

Ich glaube, dass die heutige kulturelle Situation durch einige ganz neue Aspekte charakterisiert ist. Niemals zuvor hat uns die Globalisierung zu einer derartigen Vereinfachung von Sprache gezwungen, um eine Information an ein möglichst großes Publikum zu bringen. Niemals zuvor konnte eine Nachricht derart viele Menschen erreichen, die folglich über eine unerhörte ökonomische und politische Macht verfügte. Diese Macht brachte in der Folge eine weitere Simplifizierung der Nachricht mit sich, denn nur so konnte sie eine derart durchdringende, andauernde und effiziente Wirkung entfalten.**

Wenn wir die Probe aufs Exempel machen, so werden wir feststellen, dass 99% der kommerziellen Musik, die wir überall – von den Diskotheken und Pubs über Taxis und in den Flughäfen – hören, eine erschreckend geringe Zahl an Akkorden enthält und mit wenigen Ausnahmen aus einem 4/4-Takt und regelmäßigen Phrasen aus jeweils vier Takten besteht. ***

Da wir beinahe andauernd diesem (oftmals ziemlich aufdringlichen) Klangteppich ausgesetzt sind, ist es nur logisch, dass dadurch die Art und Weise Musik zu hören konditioniert wird und wir zunehmend abgelenkt werden und damit definitiv unsere Neugier „wie das Stück wohl enden wird“ nachlässt. Die Konzepte der Narration, der fortlaufenden Entwicklung und der Gegenüberstellung der diversen formalen Elemente verschwinden immer mehr, und das Fehlen eines dialektischen Wegs nimmt das Interesse und den Sinn, die Dinge in ihrem Innern zu betrachten.

Vergessen wir dabei nicht, dass sich die zeitgenössische Musik (zumindest der Großteil der Musik in der Nachfolge der historischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts) notwendigerweise an den Antipoden dieser globalisierten Tendenz befindet. Angesichts einer zunehmenden Verarmung und Vereinfachung der Codes, auf die sich das Publikum noch versteht, haben viele Komponisten des 20. Jahrhunderts aus der Motivation heraus, mit dem wissenschaftlichen Fortschritt mithalten zu können, neue kompositorische Systeme und damit noch komplexere Codes entwickelt, die oftmals bloß in einer ihrer Schaffensperioden verwendet wurden um später radikal erneuert zu werden. Und unterdessen bewegte sich das Publikum in die entgegengesetzte Richtung. Als eine der vielen Konsequenzen aus dieser ungelösten Kluft können wir allenthalben  Vereinfachungen in neuem Gewand innerhalb der ernsten Musik wahrnehmen, die manchmal extreme Formen (Minimalismus, New Age…) annehmen und zu verschiedenen Erkundungen in den Genres des Crossover führen. Die so genannte zeitgenössische Musik ist dennoch seit geraumer Zeit in einem Ambiente nur für Fachleute ghettoisiert und damit läuft sie Gefahr, den lebenswichtigen Kontakt mit dem Publikum, als auch mit der eigenen Zeit zu verlieren.

Ich denke, dass in einem derartigen und noch nie da gewesenen Missverhältnis zwischen den Aufnahmefähigkeiten des breiten Publikums und der zeitgenössischen Produktion der zentrale Punkt unserer Argumentation liegt; vor allem von jenen, die in diesem Bereich tätig sind, sollte dies für zukünftige Projekte beachtet werden.

Es sind Ideen notwendig, um dieses Problem zu überwinden. Ich bin überzeugt davon, dass die Form des Gesprächskonzerts, insbesondere dessen multimediale und möglichst interdisziplinäre Ausprägung, neue Vitalität in einen Bereich bringen kann, der Gefahr läuft, sich in einen etwas müden und seiner Lebensenergie entäußerten  Ritus zu verwandeln.

In den letzten Jahren rief ich viele derartige Projekte an verschiedenen Schauplätzen ins Leben, wie etwa für die RAI oder für einige Bankstiftungen, die sich Projekten mit Jugendlichen widmen. Derzeit arbeite ich an einer Aufnahme für eine deutsche Plattenfirma, die eine Reihe meiner CDs veröffentlichen wird, wobei jede von einem viersprachigen Audio-Booklet begleitet wird.

Dieses Projekt entwickelte sich für mich auf erfreuliche Weise, insbesondere aufgrund von acht Begegnungen mit Schülern der Gymnasien von Vicenza, die mit Unterstützung der Banca Intesa im Palazzo Leoni Montanari stattfanden. Jedes dieser Konzerte nahm einen Aspekt der heutigen Zeit zum Ausgangspunkt, der uns zu einem Komponisten oder zu einem musikalischen Werk führte, das Bezüge zu diesem Aspekt herstellt (etwa aufgrund der Tatsache, dass sich der Komponist mit denselben Problemen und den gleichen Fragen auseinandersetzen musste wie wir es heute immer noch tun).

Als Ausgangspunkt wählte ich einen Satz von Roberto Saviano, der den legendären Beowulf zitierend geschrieben hat: „Der listigste Feind ist nicht jener, der dir alles nimmt, sondern jener, der dich langsam daran gewöhnt, nichts mehr zu haben.“ Dies ist ein in seiner Wahrheit und Trefflichkeit für unsere heutige Situation unerhörter Satz (dabei beziehe ich mich nicht bloß auf die Camorra, von der Saviano spricht, sondern auch auf die kulturelle Wüste und den fortschreitenden Verfall des kritischen Geistes, den wir heute erleben (so ist etwa die Reduktion auf ein Minimum linguistischer Ausdrucksmöglichkeiten in der Konsum-Musik ein nicht unbeträchtlicher Faktor…).

Jede Begegnung mit den Schülern stand daher im Zeichen von Fähigkeiten, die uns heute immer mehr abhanden kommen und setzte sich mit der Möglichkeit auseinander, wie uns die Musik hilft, uns dessen bewusst zu werden und uns diese Fähigkeiten wieder anzueignen oder zumindest zu begreifen, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

Die erste Begegnung stellte ich unter das Motto Vertrauen in unsere Fähigkeit, eine zukünftige Gesellschaft nach unseren Wünschen zu gestalten und das Konzert widmete ich Beethoven und damit einem Revolutionär aus sozialer (und nicht nur künstlerischer) Sicht, der zudem sein eigenes Schicksals selbst in die Hand nahm.

Für das zweite Konzert wählte ich den Überbegriff  Freiheit, wobei wir uns mit Schubert auseinandersetzten (bis zu welchem Grad erinnern uns die Jahre der Restauration in Wien unter gewissen Aspekten an unsere heutige Zeit?).

Das dritte Konzert hatte das Recht sich nicht anzupassen zum Motto, und noch einmal ging es um Schubert, dessen Zyklus Die Winterreise aufgeführt wurde.

Dem vierten Konzert gab ich den Titel Traum und Geheimnis (Schumann), das fünfte Konzert hatte das Begehren zum Thema (und brachte die Dichterliebe von Schumann zur Aufführung), das sechste Konzert setzte sich mit der Biodiversität auseinander, wobei Werke aus dem Paris der Belle Époque zu hören waren und so weiter.

Eine derartige Herangehensweise, die auch durch multimediale Mittel unterstützt wurde (Videoprojektion, gemeinsames Entdecken von Gemälden, Einbeziehung der Jugendlichen in Diskussionen über Politik und allgemein über deren Sicht auf die Gesellschaft, in der sie leben) hatte eine sehr starke Wirkung, und oft wandten sich die Schüler über ihre Lehrer oder auch direkt an mich, um Ansatzpunkte zu einer Vertiefung des jeweiligen Themas zu finden.

Sicherlich ist dies alles nicht ausreichend, um in den Jugendlichen ein ganzes System von Codes und Kenntnissen wiederherzustellen, das sie verloren haben und das ihnen bislang niemand wieder entdeckt hat: dennoch spüre ich, dass derartige Erfahrungen in den Jugendlichen eine Neugierde erwecken, eine Ahnung dessen, dass sie sich an der Schwelle zur Entdeckung von etwas Großem befinden, das faszinierend und von höchster Qualität ist. Die Frage der Qualität ist von größter Wichtigkeit – auch aus politischer Sicht: diese auch bei Aufführungen, in der Unterhaltungsindustrie und im kulturellen Bereich allgemein einzufordern ist ein entscheidender Punkt, wenn es darum geht, aufmerksame und teilnehmende zukünftige Bürger und damit eine Gesellschaft zu schaffen, deren Demokratie sich guter Gesundheit erfreut. Das Bewusstsein, dass es sich lohnt, im Angesicht der Schönheit in Staunen zu geraten und sich noch mehr mit deren Erforschung zu beschäftigen, die niemals zu einem Ende kommen wird – dies bedeutet, sich darüber klar zu werden, dass den Fähigkeiten des Menschen zur Auswahl und zum Austausch des Wissens keine Grenzen gesetzt sind. Wenn wir diese Fähigkeiten pflegen und damit die Lust auf Kultur entwickeln, leben wir intensiver und haben mehr Anteil an den Dingen. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich auf diese Weise erfolgreich ein zukünftiges Publikum heranziehen lässt.

Ich bin der Meinung, dass in jeder historischen Epoche die Kunst eine wichtige politische Funktion hatte, die – je nach der Sensibilität der jeweiligen Zeit – mehr oder weniger anerkannt wurde. Heutzutage Musiker zu sein bedeutet für mich vor allem, sich bewusst zu sein, worin diese Funktion heute bestehen könnte und auf welche Weise die Interaktion zwischen Musik und Gesellschaft wechselseitig für Vitalität und Erneuerung sorgen kann.

© Filippo Faes 2008

Anmerkungen

*    Ich habe den Eindruck, dass die entscheidende Rolle des Gedächtnisses in jeder Phase des Lernens und Verstehens des Menschen in letzter Zeit ziemlich unterschätzt wurde. Denken wir nur an die Konsequenzen für ein Kind, das stundenlang vor dem Fernseher und damit vor einem Medium sitzt, das aufgrund der immer schnelleren Abfolge seiner Bilder die Aufmerksamkeit dazu bringt, nichts des gerade Wahrgenommenen festzuhalten, um bereit für das nächste Bild zu sein, das stets zu schnell kommt. Angesichts einer derartigen Prägung wird das Kind durch nichts dazu stimuliert, seine Fähigkeiten der Erinnerung und des Vergleichs im realen Leben auszubilden.

**    Wenn ein Major-Label der Unterhaltungsindustrie auf den Philippinen einen Künstler aus Norwegen herausbringen möchte, ist es nur logisch, dass die Verantwortlichen sich für einen Künstler entscheiden, der eine Sprache verwendet, die das kleinste gemeinsame Vielfache der kulturellen Bezüge der beiden Länder darstellt. Genauso logisch ist es, dass zur möglichsten Ausweitung des Zielpublikums alles daran gesetzt wird, dieses Vielfache tatsächlich minimal zu halten. Folglich kommen wir dahin, dass jenes Publikum, das sich mit dem Minimum zufrieden gibt, auch den ästhetischen Kanon vorgibt (da es zahlreich ist und damit große Gewinne verspricht); damit spitzt sich dieser Prozess weiter zu.

Vergleichbares geschieht auch in der Politik. Angesichts einer weltweit immer weniger überschaubaren Situation und weil die auf dem Spiel stehenden Interaktionen stets zahlreicher werden und auf komplexere Weise miteinander zusammenhängen (heute hat die Kreditkrise in den USA starke Auswirkungen auf die Börse in Shanghai und umgekehrt – noch vor hundert Jahren ein Ding der Unmöglichkeit), in Anbetracht dieser wachsenden, unerhörten Komplexität stehen wir vor dem Paradox eines sich immer mehr vereinfachenden politischen Diskurses. Unlängst erzählte mir ein Freund, der Geschichte in Washington unterrichtet, dass zu Zeiten von Abraham Lincoln die Konfrontation zweier Kandidaten im Wahlkampf einen ganzen Tag lang andauern konnte, in einem Theater stattfand und lediglich für kurze Pausen der Stärkung unterbrochen wurde, um die Konzentration nicht zu verlieren. Jedes Argument der Auseinandersetzung wurde gewertet und unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten abgewogen, wobei oftmals auch die Widersprüche und die notwendigen Grenzen der eigenen Position anerkannt wurden. Im Gegensatz dazu gewinnt man heute mit Slogans, die von Experten und Meinungsforschern vorfabriziert wurden, wobei peinlich genau darauf geachtet wird, dass die wenigen Minuten nicht überschritten werden, nach deren Ablauf das Publikum die Konzentration verliert…

***    Wenn man durch die Landschaften Osteuropas fährt, so fällt sofort auf, dass auch in den abgelegensten Dörfern die Mehrzahl der Häuser bereits mit einer Parabolantenne zum Satellitenempfang ausgestattet sind. Was wird aus den äußert subtilen rhythmischen Asymmetrien, den Skalen und der Sensibilität für Vierteltöne, die typisch sind für das Erbe dieser Kulturen, wenn sich die neuen Generationen auf MTV gleichschalten?

© Filippo Faes 2008